Wenn Bedrohung zum Alltag gehört

In erschreckend nüchternem Grundton haben die Vertreter*innen der Jüdischen Gemeinde in Dessau bei dieser Informations- und Diskussionsveranstaltung ihre Einschätzung zur aktuellen Situation in der Auseinandersetzung mit gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, Alltagsrassismus, Fremdenfeindlichkeit und dem Begriff „Antisemitismus“, aber auch dessen Erscheinungsformen abgegeben. Neben einem Impulsbeitrag von Dr. Wolfgang Schneiß, Ansprechpartner für Jüdisches Leben in Sachsen-Anhalt und gegen Antisemitismus, stand die Situation der jüdischen Bürger*innen in und um Dessau-Roßlau im Fokus der anschließenden Podiumsdiskussion, die hochkarätig mit Vertretern der Kommunal- und Landespolitik besetzt war. Zu den Teilnehmenden der Diskussion zählten:

  • Herr Dr. Wolfgang Schneiß, Ansprechpartner für Jüdisches Leben in Sachsen-Anhalt und gegen Antisemitismus, 
  • K.d.ö.R. Max Privorozki, Vorsitzender des Landesverbandes jüdischer Gemeinden Sachsen-Anhalt
  • Herr Tobias Krull (MdL CDU)
  • Herr Holger Hövelmann (MdL - Landtagsfraktion der SPD)
  • Frau Henriette Quade (MdL Die Linke)
  • Herr Ralf Zaizek (Kreisvorstandsmitglied Dessau-Roßlau Bündnis 90/Die Grünen)
  • Jörg Bernstein (Kreisvorsitzender FDP Dessau-Roßlau)

Übereinstimmend wurde eine tiefe Betroffenheit über die offenkundige Selbstverständlichkeit offenen und verdeckten Antisemitismus in der Gesellschaft zum Ausdruck gebracht. Für viele Juden gehört Angst längst zum Alltag und der Antisemitismus wird als gewohnte "Normalität" wahrgenommen.

Dies erscheint insofern überraschend, als dass aktuelle Umfragen aufzeigen, dass die Mehrzahl der deutschen Bevölkerung den Antisemitismus für überwunden hält. Zahlreiche Beispiele der letzten Jahre zeichnen jedoch ein komplett anderes Bild. Hier wird auch Zuge einer Verrohung von Sprache im politischen Diskurs immer wieder von Entgleisungen berichtet, die nach Einschätzung der Diskutanten auf allen politischen Ebenen zu beobachten sind.

Wenn Max Privorozki, Vorsitzender des Landesverbandes jüdischer Gemeinden Sachsen-Anhalt, das offene Tragen von Symbolen jüdischen Glaubens in der Öffentlichkeit als "gefährlich" bezeichnet, dann haben die Vertreter*innen der politischen Parteien das zwar "empörend" genannt, aber seitens der jüdischen Gemeinden wird mehr öffentliche Empörung erhofft. Hier können und sollen alle Repräsentanten der Politik beispielgebend Position beziehen.

Gerade die Vertreter*innen des Landtags haben über eine neu erstarkte, populistische national-konservative Strömung berichtet, in der oftmals aus fehlendem Wissen über die jüdische Glaubenswelt alt hergebrachte Ressentiments und Vorurteile geteilt werden. Hier können Projekte zur politischen Bildung und zur Demokratieförderung (z.B. Partnerschaften für Demokratie) wirksam eingesetzt werden, um diese Lücken zu füllen. 

Auf kommunaler Ebene wurde für die Wiederbelebung des interreligiösen Dialogs ("Runder Tisch der Religionen") geworben und ein direktes aufeinander zugehen, um Berührungsängste und Vorurteile abzubauen. Dies gelte jedoch gleichzeitig für die Vertreter*innen aller Religionsgemeinschaften in unserer Stadt. 

Edit: Mit dem versuchten Anschlag auf die Synagoge in Halle am 09.10.2019 wurden die Diskussionbeiträge zur "gefühlten Bedrohung" jüdischer Orte in Deutschland von der schrecklichen Realität eingeholt. Besonders beklemmend ist in diesem Zusammenhang, was auch zum Diskussionsabend im September, also knapp 4 Wochen vor dem Anschlag, ein Video der Überwachungskamera am Eingang zur Jüdischen Gemeinde in Dessau das Hallenser Szenario in abgeschwächter Form zeigte: Ein unbekannter Täter fuhr mit seinem Motorrad nahezu ungerührt vor die Eingangstür, stieg in aller Seelenruhe ab und betrat den Eingangsbereich - zum Glück nicht mit schweren Waffen, sondern "nur" mit einer Sprühdose ausgestattet, um das Hakenkreuz auf die Eingangstür zu sprühen...


Kontakt / Info:

Jüdische Gemeinde zu Dessau
Kantorstraße 3
06844 Dessau-Roßlau
Telefon und Fax 0340 2215 107

 

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